Die Psychonautische Landkarte

Jul 17

Vergleichbar mit einem Astronauten, der sich in die Weiten des Weltraums begibt, reist ein Psy­chonaut in die Tiefen der eigenen Psyche. Die imaginäre psychonautische Landkarte schließt da­bei als Pole eines kaum zu überblickenden inneren Raumes beglückende Bereiche und bedrohliche Abgründe mit ein. Gleichzeitig können psychonautische Reisen einengende kulturelle Strukturen aufbrechen, aber auch verfestigen. Die künstlerische Darstellung solcher Erfahrungen entspricht dabei immer wieder einer Auseinandersetzung mit verschiedenen Ebenen der Wirklichkeit.
DAS ÜBERSCHREITEN DER GRENZEN Zu den vielfältigen Praktiken, welche den Zugang zu den inneren psychonautischen Räumen eröffnen können, gehören unter an­derem Meditationen, der trancehafte Tanz, bestimmte extreme körperliche Erfahrungen, eine ekstatische Sexualität und der bewusste Gebrauch psychoaktiver Substanzen. Auf der Basis verschiedener Studien sprechen Be­wusstseinsforscherinnen wie Erika Bourgu­ignon und Andrew Weil von einem menschlichen Grundbedürfnis nach Transzendenz im Sinne einer Überschreitung der alltäglichen Grenzen des Bewusstseins. Der Möglichkeit bereichernder oder gar be­freiender Erfahrungen steht jedoch ein viel­fältiges psychisches Gefahrenpotential gegenüber. So können Erfahrungen außerge­wöhnlicher Zustände zu einer tiefen Verun­sicherung führen, da sie potentiell das her­kömmliche Weltbild grundlegend in Frage stellen. Daneben bestehen in den Randbe­reichen der psychonautischen Landkarte als Ausdruck psychischer Probleme oder Erkran­kungen vielfältige Bewusstseinsebenen, in denen sich einzelne Personen verfangen ha­ben, ohne sich daraus befreien zu können. Kulturhistorisch betrachtet, kam es nur sel­ten zu einer freien Entfaltung transzendenter Bedürfnisse. Vielmehr lässt sich immer wie­der aufzeigen, dass sie gerade in religiösen Zusammenhängen als Mittel der Manipulati­on missbraucht oder insbesondere in christ­lich geprägten Kulturkreisen gezielt unterdrü­ckt wurden.

PSYCHONAUTISCHE KUNST

Die Außergewöhnlichkeit psychonautischer Er­fahrungen erzeugt zumeist das tiefe Bedürfnis, diese einzuordnen und oftmals auch die damit verbundenen Inhalte weiterzutragen. Die Aus­einandersetzung im Rahmen künstlerischer Ausdrucksformen kann eine Möglichkeit der Verarbeitung sein. Die Wiedergabe transzen­denter Bewusstseinszustände ist dabei nicht immer als solche sofort zu erkennen, oftmals sind sie stark abstrahiert oder verschlüsselt dargestellt und nur über bestimmte Kodes zu verstehen.

In vielen indigenen Kulturen besteht eine lan­ge Tradition der Wiedergabe transzendenter Bewusstseinszustände, welche oftmals im Ge­gensatz zur Erfahrung der Realität des Alltags als ein Erleben der eigentlichen Wirklichkeit verstanden werden. Die Prozesse der Aufarbei­tung und Einordnung werden dabei vielfach in einen kollektiven Zusammenhang gestellt.

In der westlichen Moderne ist dagegen sozio­kulturell begründet zumeist ein stark persön­lich ausgeprägter Zugang zu außergewöhn­lichen Bewusstseinsebenen vorherrschend. Entsprechend groß ist die Zahl der Künstle­rinnen, die einen eigenen Zugang in die Rand­gebiete der psychonautischen Landkarte ge­funden haben und sich ebenso individuell damit auseinandersetzen. Zum Teil verweigert sich ihr Werk auf Grund der Eigenständigkeit, oftmals aber auch auf Grund der in vielerlei Hinsicht schweren Zugänglichkeit einer Einord­nung in gängige Kategorien. In einigen Fällen stehen vielmehr schon die jeweiligen Namen der Künstlerinnen für eigene Stilrichtungen, sofern es überhaupt einer derartigen Defini­tion bedarf. Bei einer genaueren Betrachtung wird schnell deutlich, dass fernab der Vorga­ben bürgerlicher Kunstvorstellungen und den Maßstäben des kommerziellen Kunstmarktes vielfältige eigenständige Ausdrucksformen be­stehen.

In der jüngeren Kunstgeschichte lassen sich psychonautische Ansätze der Auseinanderset­zung mit außergewöhnlichen Bewusstseinszu­ständen unter anderem im Surrealismus und seiner psychoanalytisch geprägten Auseinan­dersetzung mit dem Traum erkennen. Die Be­griffe der Art Brut und in Teilbereichen auch der Outsider Art bezeichnen dagegen die Kunst von Menschen, die einen weitgehend ungefil­terten Zugang zu ihrem Unbewussten haben, darunter auch Menschen in psychotischen Ex­tremzuständen. Der Wiener Aktionismus wie auch die Industrial Culture beschäftigten sich mit unterdrückten Energien und damit oftmals mit den

Abgründen der menschlichen Existenz, wobei die Übergänge zwischen einer befrei­enden und einer regressiven Auseinanderset­zung fließend waren. Dagegen bildet die Wie­dergabe mystisch-transzendenter Erfahrungen den zentralen Bezugspunkt der Visionären Kunst, die dabei jedoch vielfach spirituell ver­klärt werden. Daneben beschreiben zahlreiche Kunstwerke, die im Umfeld des weiten Feldes der Cybertribe-Culture entstanden sind, verän­derte Wahrnehmungs- und Bewusstseinszu­stände mit zeitgemäßen digitalen graphischen Mitteln.

PSYCHEDELISCHE RÄUME

Ein Weg in die Welten der psychonautischen Erfahrung kann der Gebrauch psychedelischer Substanzen wie Meskalin, Psilocybin und LSD sein. Von einem befreienden Aufbruch in neue Wirklichkeiten bis zur Flucht in eine Scheinwelt ist es oftmals jedoch nur ein klei­ner Schritt. Zum Spektrum entsprechender Erfahrungen gehören eine intensivierte sinn­liche Wahrnehmung und ein direkter Zugang zum Unbewussten, sowie Gefühle des Glücks und der Verschmelzung, aber auch tiefe inne­re Irritationen bis hin zu psychotischen Zu­ständen. Dabei tragen psychedelische Sub­stanzen im Wesentlichen nichts von außen in eine Person hinein, sondern öffnen nur Türen in bereits bestehende innere Räume.

Die Darstellung von außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen, die durch den Ge­brauch psychoaktiver Substanzen eröffnet werden, lassen sich bis zu frühzeitlichen Fels­zeichnungen zurückverfolgen. So sind bei­spielsweise im Süden Algeriens Darstellungen erhalten geblieben, die deutlich auf den Ge­brauch psychoaktiver Pilze und eine folgende Bewusstseinsveränderung verweisen.

Von einer psychedelischen Kunst wird ins­besondere in Bezug auf die Entwicklungen in den späten sechziger Jahren gesprochen. Der massenhafte Gebrauch psychoaktiver Sub­stanzen in der Alternativkultur spiegelte sich in ihren kreativen Ausdrucksformen. Großfor­matige Kunstwerke, die inzwischen längst ih­ren Weg aus dem Underground in die großen Museen gefunden haben, waren genauso von psychedelischen Erfahrungen geprägt, wie die Motive von Schallplatten-Covern. Mixed-Media-Künstlerinnen gestalteten Räume mit entsprechenden Projektionen und Lichteffek­ten, während eine neue Comic-Generation einen Acid-geprägten Blick auf gesellschaft­liche Missstände richtete. Neben vielen ande­ren spiegelten auch die Beatles als wichtigste Pop-Band der Zeit psychedelische Wirklich­keiten in einigen ihrer Stücke und Filme.

Die Kriminalisierung der meisten Psychede­lika konnte nicht verhindern, dass insbeson­dere LSD bis heute einen starken Einfluss auf künstlerische Ausdrucksformen hat. Die psy­chedelisch inspirierte Kunst erlebte insbeson­dere im Zuge der Psychedelic-Trance-Culture ein Revival, wobei es in Verbindung mit neuen digitalen Mitteln zu einer Weiterentwicklung der graphischen Möglichkeiten kam. Eine wachsende Aufmerksamkeit richtet sich in­zwischen zudem auf die Blotter Art, die künst­lerische Gestaltung der LSD-Papier-Trips.

Die Kriminalisierung bewirkt allerdings auch, dass sich psychedelisch beeinflusste Künstle­rinnen nur in Ausnahmefällen offen zu einem Gebrauch der Substanzen bekennen, um nicht eine Stigmatisierung oder strafrechtliche Folgen befürchten zu müssen. Der „War an Drugs" offenbart dabei einmal mehr seinen Charakter als ein repressives Instrument so­zialer und kultureller Kontrolle. Die grundle­genden Voraussetzungen für einen verant­wortungsvollen Umgang mit psychoaktiven Substanzen bilden dagegen eine mündige, selbstbestimmte Persönlichkeitsstruktur, so­wie umfassende sachliche Informationen.

DIE VERBINDUNG VON VISION UND REALITÄT

Keine Erfahrung eines außergewöhnlichen Bewusstseinszustandes vollzieht sich in einem bezugslosen Raum, so persönlich der Vorgang auch sein mag. Die Erfahrung steht zwangsläufig immer in einem engen Zusam­menhang mit den umgebenden Bedingungen und damit auch mit den soziokulturellen Vor­gaben des entsprechenden Gesellschafts­systems. Deutlich wird dies beispielsweise im Zusammenhang mit dem Verbot des Ge­brauchs bestimmter psychoaktiver Substan­zen oder dem religiösen Einsatz transzen­denter Techniken.

Stigmatisiert werden außergewöhnliche Be­wusstseinszustände insbesondere in Kul­turen, in denen die ökonomischen Werte von Leistung, Konkurrenz und Profit nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche bestimmen. Eine überzogene Rationalität und das Streben nach ständiger Selbstkontrolle verschließen den Zugang zu einem Zustand der Transzen­denz bzw. zu

einer sachlichen Auseinander­setzung über Potentiale und Gefahren verän­derter Wahrnehmungsebenen.

Die individuelle Motivation für den gezielten Übergang in einen transzendenten Bewusst­seinszustand kann sehr unterschiedlich sein. Verbindend ist vielfach die Sehnsucht nach der Erfahrung des inneren Fließens, wie sie beispielsweise während eines Trance-Tanzes oder einer sexuellen Verschmelzung emp­funden werden kann. Es ist jedoch ein Trug­schluss zu glauben, dass es möglich ist, sich diesem inneren konkreten Utopia auf einer rein persönlichen Ebene anzunähern und da­bei die gesellschaftliche Realität zu verdrän­gen. Über die momentane Erfahrung hinaus­gehend ist ein Freiraum notwendig, der in der Wechselbeziehung zwischen persönlicher Entwicklung und gesellschaftlicher Verände­rung wurzelt. Das konkrete Utopia als ein Ort auf der psychonautischen Landkarte wird erst dann erfahrbar, wenn es gelingt Vision und Realität konsequent miteinander zu verbin­den.

Wolfgang Sterneck.

- * - Wolfgang Sterneck veröffentlichte un­ter anderem die Bücher „Psychedelika — Kul­tur, Vision und Kritik", „Erotika — Drogen und Sexualität", „Tanzende Sterne — Party, Tribes und Widerstand" und „Cybertribe-Visionen". Umfangreiche Archive mit Texten zu Drogen, Musik, Utopie, Politik und anderen Themen finden sich online unter: www.sterneck.net

Sterneck ist zudem im Alice-Project aktiv, das die Förderung von Drogenmündigkeit mit vielfäl­tigen soziokulturellen Aktionen verbindet. Es ist unter anderem mit Infotischen und Workshops im Sommer auf Tour auf diversen Festivals. In­fos und Termine unter: www.alice-project.de und www.myspace.com/alice_project

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